Und da haben wir den Salat: Ein Beitrag des WDR über tierschutzwidriges Reiten beim CHIO Aachen sorgt für Unruhe. Blogger, Reiter und Pferdebesitzer stürzen sich wie dicke Seehunde auf den Beitrag, den es unbedingt zu kommentieren und zu zerschlagen gilt. Weil: Wer hier etwas zu sagen und zu kritisieren hat ist wohl klar: PETA: NICHT! Nachrichtensender: NICHT! Blogger: Joa! Man selbst: Hallo?- Auf jeden Fall! Weil man hat ja Ahnung, besitzt schließlich ein Pferd, reitet, ja vielleicht hat man sogar einen Trainerschein, eine Ausbildung zum Pferdewirt oder glänzt einfach mit seinen Erfahrungsschatz. Aber ihr ungebildeten Medien und Verbände da draußen könnt mal schön die Klappe halten! Sollten diese, nennen wir sie „Erfahrungsschätze“ jedoch selbst mal tierschutzwidriges reiten feststellen – geht’s los: Facebook öffnen , Bild reinklatschen, mindestens 300 wütende Emojis, einen Satz wie „Dazu sag ich jetzt mal nichts! “ oder „Unfassbar!“ Uuuund posten. 3,2,1 – die Bombe platzt: Überall Gebell, Gebrülle, Geklatsche, Oink, Oink, Oink, Schüttelnde Köpfe.
Aber Schritt für Schritt:
Der Beitrag des WDR dreht sich um Beobachtungen am Dressurabreiteplatz des CHIO Aachen. Aufgenommen wurden mehrere Pferde auf mittleren bis langen Videosequenzen, die eine deutliche Haltung fernab den Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) zeigen: Zu enge Kopf-Hals-Haltung, Nase weit hinter der Senkrechten, schlagende Schweife. Ist Fakt. Nicht gut für’s Pferd? Auch Fakt. Der WDR distanziert sich davon zu schreiben, diese Beobachtungen als Rollkur zu bezeichnen – obwohl diese Merkmale nichts anderes bedeuten. Der ganze Beitrag wird begleitet von einer – jetzt haltet euch fest, ihr „Erfahrungsschätze“ – Biologin & (unglaublich, aber wahr) Dressurreiterin. Sie stand unter anderem für EXPERTENMEINUNGEN für einen Cavallo-Beitrag Rede und Antwort. Fachvorträge für die VFD hat sie auch gehalten? (Nein! Doch! Dohh!). Ach, und für die Feine Hilfen hat sie auch geschrieben? Gibt es ja nicht!
Und was machen unsere selbsternannten Experten in Ihren Kommentaren unter dem WDR Beitrag? SIE SUCHEN DEN EXPERTEN, der in ihren Augen das Recht hat, Tierschutzwidrigkeit festzustellen und das auch noch öffentlich zu kritisieren:
Im weiteren Verlauf des Beitrages wird die Anwendung der Rollkur beleuchtet, dessen Schmerzhaftigkeit durch Studien festgestellt ist. Es wird betont, „dass einzelne Trainingsmethoden auf dem Dressurtrainingsplatz beim CHIO tierschutzwidrig seien.“ EINZELNE! Einzelne Trainingsmethoden sind tierschutzwidrig! Und ja, auch EINZELNE gezeigte Szenen sind tierschutzwidrig! Aber moment: Es gibt eine weitere Expertin, die ihren Senf dazu gegeben hat? Dr. Vivian Gabor, Biologin, Trainerin und Verhaltensforscherin für Pferde erklärt die angelernte Hilflosigkeit bei Pferden, die sich gegen gezielte Schmerzimpulse des Reiters nicht mehr wehren:
Die Biologin Dr. Vivian Gabor, Pferdewissenschaftlerin an der Universität Göttingen, spricht vom Phänomen der „erlernten Hilflosigkeit“. Das Pferd habe gelernt, sich aus einer negativen Situation nicht mehr aus eigener Kraft befreien zu können und resigniere.
Verdammt! Das erklärt auch, warum die Pferde das im Video auch noch mitmachen!
Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung nimmt (immerhin) Stellung zu den Vorwürfen und erklärt:
„Sowohl nach internationalem als auch nationalem Reglement sind aggressives Reiten und eine Zwangshaltung des Pferdes, die durch Krafteinwirkung hervorgerufen wird, nicht akzeptabel. Derartiges Verhalten ist jedoch in dem achtminütigen Videomaterial, das uns vorliegt, nicht zu beobachten. Sicher wird hier in Teilen unschönes Reiten gezeigt, jedoch keine Tierschutzwidrigkeit.„
Das sind die Fakten des veröffentlichten Beitrages des WDR. Und was macht unsere guggelige Facebook-Gemeinde daraus? Ein Festmahl. Ein Festmahl für faule Menschen, die reagieren ohne sich vorher zu informieren. Die ihren Frust auslassen, an Journalisten, an Menschen, die ihnen offenbar nicht würdig sind. Die einfachste Formen der Höflichkeit und des Umganges vergessen und missachten. Kommentatoren, die tatsächlich meinen, dass ein Nachrichtensender wie der WDR aber absolut ÜBERHAUPT GAR KEINE AHNUNG hat und es sich nicht erdreisten soll, über den Reitsport herzuziehen! Womöglich gibt’s da noch Flecken auf die reinweiße Bluse des Pferdesports.
Hinzu kommen einige Blogger und andere Onlinheinies, die die Aufmerksamkeit gleich mal nutzen und ihren Senf dazu geben. Hier geht es doch dann aber eher um die „öffentliche Wahrnehmung“ des Reitsports, die eben durch solche Beiträge verschmutzelt wird. Gibt’s ja nicht! SORRY, ist aber nun mal so – der Sport ist dreckig, schmerzhaft und korrupt. Aber ebenfalls gefüllt mit guten und vorbildlichen Reitern, mit Vertrauen, Leichtigkeit und Eleganz. Also was wollt ihr? Darf und soll jetzt keiner mehr über Tierschutzwidrigkeit im Reitsport berichten? Oder nur noch an bestimmten Wochentagen vielleicht? Ist es dann angenehmer zu ertragen? Anstatt die Medien zu kritisieren, die Missstände aufzeigen, muss sich ein System in der Pferdebranche ändern. Regeln und Konsequenz bei tierschutzwidrigen Verhalten verschärft werden. – Aber wie? Isabell Werth, einer der erfolgreichsten Dressurreiterinnen der Welt trainiert ihre Pferde oft mit eingerollten Hälsen. Sie sieht dies als völlig akzeptable Trainings- und Gymnastizierungsmethode. Von Rollkur distanziert sie sich jedoch. Jedes ihrer Pferde im Viereck wird sich den Boden der heimischen Reithalle öfters genauer anschauen dürfen. Und? Wen interessiert das? Geklatscht wird trotzdem. Erfolg hat sie. Trotzdem.
Was festzustellen ist, ist das Pauschalisierungen oft die Oberhand gewinnen, Argumente eben nicht mehr abgewogen werden und sich auch nicht mehr informiert wird. Facebook gibt die Plattform, die für die Meisten das einfachste Mittel zum Zweck ist, ihre Meinung bis aufs Messer zu vertreten, um sich selbst besser zu fühlen. Kompromisse oder ganz und gar ein „entschuldige, so war das nicht gemeint“ gibt es nicht mehr. Es ist wie eine riesen Streit zweier sturer Dickköpfe: Keiner gibt nach, keiner denkt drüber nach- immer nur eins: Hau druff! Pauschale Meinungen wie: „Rennsport ist Tierquälerei!“, „Dressurreiten ist tierschutzwidrig!“ – werden, zu Recht, zerrissen. Aber: Der Ton macht die Musik. Pauschale Aussagen werden nicht mit Beleidigungen bekämpft, sondern mit stichhaltigen Argumenten und einer guten daraus entstehenden Diskussion.
Behauptet jemand aufgrund eines gut recherchierten Beitrages, der zu 100% der Wahrheit entspricht, dass reiten an sich tierschutzwidrig ist, pauschalisiert. Aber: Warum nicht einsehen statt loströten? Es ist unumstritten, dass die gezeigten Bilder nicht den Richtlinien entsprechen und jeder normal denkende Mensch, kann nachvollziehen, dass diese enge Haltung keine Aphrodisiakum für das Pferd sein kann. Aber das dies nicht den gesamten Sport betrifft, ist auch klar. Und das auf Grund solcher Beiträge der Reitsport auch sein Fett wegkriegt ist auch klar: Der Reitsport doped, misshandelt, lügt und betrügt. Nicht pauschal – aber oft. Das müssen wir einsehen. Alles was wir tun können, ist aufzuklären – dabei ist aber wichtig, dass wir unsere Regelwerke, Normen und Höflichkeitsformen kennen und vertreten. Sonst hält uns Reiter der Rest der Welt neben tierschutzwidrig und korrupt auch noch für unhöflich. Bleibt also einzusehen, dass der WDR tatsächlich nicht richtlinienkonformes Reiten gesehen hat. Was anderes hat er auch nicht behauptet.